300 Jahre Pfarrhaus Pfalzgrafenweiler

1717 wurde das  evangelische Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler gebaut. Neben der Kirche ist es prägend für das Ortsbild und zierte schon viele Postkarten. Außer der Wohnung für die Pfarrfamilien und die Vikare war dort, wo sich heute das Pfarramt befindet, auch schon Platz für den CVJM, die Mädchenjungschar und für den ev. Kindergarten.
Die Zeitzeugen, Mille Urwalek und die Söhne des ehemaligen Pfarrers Erwin Mickler, Johannes und Gottfried, haben Ihre Erinnerungen an das betagte Gebäude niedergeschrieben:
Über die Zeit von 1938 bis 1958 berichtet Frau  Mille Urwalek. Von 1945 bis 1959  schreiben die Brüder Dr. Johannes Mickler und Gottfried Mickler:

Erinnerungen an das Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler

Von Mille Urwalek (im Juni 2017)

Meine Erinnerungen an das Pfarrhaus in „Weiler“ reichen von 1938 bis 1958.
Ab 1938 ging ich in die Bibelschar im Pfarrsäle. Ich hatte Orgelunterricht bei Pfarrer Heintzeler (und später bei Frl. Schröder) und die theoretische Unterrichtung (Harmonielehre) fand bei Heintzelers in der Wohnung im Pfarrhaus zusammen mit Liese Lehmann statt. Ehe Pfr. Heintzeler zum Militär musste, bat er mich, den katechetischen Unterricht im Pfarrsäle zu übernehmen. (Er durfte keinen Religionsunterricht in der Schule geben, weil er den „Eid auf den Führer“ nicht abgelegt hatte). Dieser Unterricht ab der 5. Klasse, war ja freiwillig. Es war nicht leicht für mich junges Mädchen, ich hatte auch fast kein „Arbeitsmaterial“ zur Hand (einen katechetischen Kurs vom Mädchenwerk in Stuttgart, der in Altensteig stattfand, absolvierte ich in dieser Zeit).

1943 schon übernahm ich die „Bibelschar“ (Mädchenjungschar) die ebenfalls „im Pfarrsäle“ stattfand. Noch vor Kriegsende habe ich geholfen, den Kindergarten aus dem Hans-Schemm-Haus (Turnhalle) auszuräumen, weil die Franzosen alles mitnehmen wollten. Das Mobiliar stellten wir bei der Schreinerei Lehmann unter. Es war ja vorher schon ein Evangelischer Kindergarten, also Eigentum der Kirchengemeinde.
Die rührige Pfarrfrau Heintzeler holte nach Kriegsende eine Genehmigung bei der französischen Kommandantur ein, die schriftlich so lautete: „Wir haben nichts dagegen, wenn Sie in Pfalzgrafenweiler eine Kindergärtnerei einrichten“.
Ich wurde gebeten, mitzuhelfen, den Pfarrsaal herzurichten, das war noch vor dem „Waffenstillstand“. Dann kam die nächste Bitte, Liese Lehmann, die inzwischen meine Freundin geworden war, im Kindergarten zu unterstützen. Weil ja in dieser Zeit nach Kriegsende wirtschaftlich ein Chaos herrschte (ich war nach Höherer Handelsschule in Stuttgart inzwischen im Elterlichen Geschäft) habe ich zugesagt. So wurde ich für vier Jahre „Tante Mille“, wie mich manche noch heute ansprechen. Bis Schulbeginn im Sommer hatten wir 80 Kinder. Das war die Kindergarten–Zeit.
Dann ging es weiter mit Mädchenkreis, den ich gehalten habe und als Kirchenchormitglied, bis zu meiner Hochzeit im Jahr 1958, mit Vikar Urwalek.
Erwähnenswert: Beim Einmarsch der Franzosen, bezogen sie auch Quartier im Pfarrhaus. Frau Heintzeler und Nachbarin Barbara Joos mussten Hühner rupfen und zubereiten im Pfarrhaus für die Franzosen. Beim schnellen Verlassen des Ortes haben sie vergessen, ihre Säcke aus dem Holzstall (hinterer Teil der Garage) mitzunehmen. Es stand ein Sack mit UHU noch da. So hatte der Kindergarten lange Zeit den kostbaren Kleber für die Basteleien der Kinder.
Mit Mädchenkreis und Bibelschar war ich weiter im Pfarrhaus, auch während meiner Verlobungszeit mit Vikar Bernhard Urwalek, bis zur Hochzeit 1958 und unserem Wegzug nach Stuttgart-Zuffenhausen.

Kindheitserinnerungen aus dem Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler

Wir beide, Johannes und Gottfried, Söhne des Pfarrers Erwin Mickler und seiner Ehefrau Dorothea wuchsen von 1945 bzw. 1948 bis November 1959 im Pfarrhaus mit seinem über 50 Ar großen Garten auf. In diesem Garten befanden sich eine sehr große, alte Buchengruppe, unzählige Obstbäume, Wiese und ein Nutzgarten, in dem unsere Mutter später die ersten Tomaten an der Wand des eben erbauten Lagerhauses mit Erfolg anpflanzte.

Das 1717 erbaute Haus hatte wohl frühere Umbaumaßnahmen erfahren, denn im Kindergartenraum konnte man Wandpaneele herausheben, hinter denen sich noch Sandsteinfutterkrippen des früheren Stalls befanden. Auch der riesige Gewölbekeller sowie eine Apfelkammer bezeugten die umfangreiche Vorratswirtschaft, die frühere Pfarrer verbunden mit ihrer Landwirtschaft betrieben hatten.

Das 1717 erbaute Haus hatte wohl frühere Umbaumaßnahmen erfahren, denn im Kindergartenraum konnte man Wandpaneele herausheben, hinter denen sich noch Sandsteinfutterkrippen des früheren Stalls befanden. Auch der riesige Gewölbekeller sowie eine Apfelkammer bezeugten die umfangreiche Vorratswirtschaft, die frühere Pfarrer verbunden mit ihrer Landwirtschaft betrieben hatten.

Von außen gab es insgesamt 7 Zugänge in das Haus: vor dem Haus stehend links die Garage mit Verbindung zum sogenannten Holzstall und von dort in den Hausgang des Erdgeschosses. Dann die äußere Türe zum Keller, dessen innere Türe ebenfalls in den Hausgang führte. Drittens der Haupteingang mit der Jahreszahl 1717 und der eisernen Zugvorrichtung für die Hausglocke. Daneben die Türe zum Kindergartenraum an dessen Ende sich wieder eine Türe zum Hausgang befand. In einem dazugehörenden Anbau mit Türe nach draußen zum Spielplatz waren die Klosetts untergebracht. Auf diesem Anbau an der Rückseite des Hauses befand sich ein leerer Taubenschlag und daneben hing im 1. Stock an der Wand das Plumpsklo der Wohnung. Unter diesem „Alkoven“ stand unser dreistöckiger Hasenstall. Unmittelbar daneben die rückwärtige Haustüre, die zum Garten und zum Waschhaus führte, und dann noch eine weitere Türe zum Holzstall.

Über eine steile Holztreppe erreichte man den ersten Stock mit den Wohnräumen und dem Amtszimmer - Studierstube genannt - und einem weiteren Raum, in dem die Gemeindehelferin Charlotte Rademacher oder auch mal ein Vikar wohnte. Im 2. Stock, in dem üblicherweise der jeweilige Vikar wohnte, gab es nur 2 Wohnräume. Als das Vikarsehepaar Fischer ein Kind bekam baute man einen Verschlag hinzu, der dann als Küche diente – ohne Wasserversorgung und ohne Ausguss.

Sowohl Gemeindehelferin, die jeweiligen Haushaltshilfen als auch Vikare waren großenteils in unsere Familie integriert, was für uns Buben ganz normal war. Dies war durch die Verhältnisse der Wohnsituation bedingt, die nachfolgend noch geschildert wird.

Die Böden der Gänge im Erdgeschoss und im 1. Stock waren mit riesigen Sandsteinplatten belegt, die im 1. Stock in den 50er Jahren durch einen Holzdielenboden ersetzt wurden, da die schlecht beheizbare Wohnung im Winter durch die Steinböden noch kälter war. Auf den Terrazzoboden der Küche wurde ein Holzlattenrost aufgebracht. Im unteren unveränderten Gang war es sogar möglich, Rollschuh zu fahren. Zwischen der Studierstube im Nordosten und dem großen Wohnzimmer im Süden und Osten befand sich die sehr kleine „Gute Stube“, die nur bei besonderen Besuchen benützt wurde. Im Wohnzimmer spielte sich das hauptsächliche Leben der Familie ab mit den gemeinsamen Mahlzeiten, die jeweils mit einem Gebet begonnen und beendet wurden. Dort wurden auch die Hausaufgaben gemacht oder es wurde auch gespielt und gesungen, auch manche zusätzliche Andacht gehalten. Wir hatten anfangs noch kein Radio, aber einen der wenigen Telefonapparate im Dorf. Weiter lagen auf der Südseite das elterliche Schlaf- und das Kinderzimmer. Alle diese Räume waren untereinander durch Türen verbunden und hatten außerdem jeweils auch noch Türen auf den Gang hinaus.

Im Winter war das große Haus nur schlecht durch die kleinen Holz- und Kohleöfen beheizbar, auch wenn die Einfachfenster durch zusätzliche Vorfenster ergänzt wurden. In unserer Kleinkinderzeit stand dort dazwischen die von uns wenig geliebte Lebertranflasche kühl (zur Vitamin D-Versorgung), da es natürlich noch keinen Kühlschrank gab. In kalten Wintertagen und –nächten gab es Eisblumen auf den Scheiben und es bildete sich sogar Reif auf den Wänden des Kinderzimmers. Dieses wurde nur am Heiligen Abend mit einem kleinen eisernen Ofen für die gesamte Familie geheizt, wenn das Wohnzimmer für das Christkind abgesperrt war. Dort stand dann der große Christbaum, den der Nachbar Forstmeister Walter Schöck Jahr für Jahr lieferte.

Dessen Ehefrau, Dr. med. Lotte Schöck, war die von uns äußerst respektierte, achtungsgebietende, sehr treu sorgende Hausärztin, nicht nur in medizinischer Hinsicht: als z. B. beide Eltern krank zu Bett lagen und sie zum Auskochen der Spritzen (ja, so war das damals!) in die Küche ging, wo es unaufgeräumt war, schleifte sie uns an den Ohren dorthin, spülte selbst Geschirr und Töpfe, hieß uns abtrocknen und drohte, wenn sie morgen wiederkomme, müsse alles in Ordnung sein, sonst setze es was. Und wie das dann in Ordnung war!

Die sanitären Verhältnisse waren äußerst primitiv. Im gesamten Wohnbereich gab es nur einen einzigen Wasserhahn in der Küche über dem großen schwarzen steinernen Spülstein mit Ausguss. An sehr kalten Winternächten musste man das Wasser abstellen und die Leitung im Keller leer laufen lassen, um ein Platzen zu verhindern. Dann gab es nur noch Wasser aus einem Hahn auf halber Höhe der Kellerstaffel. Erst Jahre später wurde ein Waschbecken im Elternschlafzimmer angebracht.

Als Kleinkinder wurden wir noch in einer kleinen Blechwanne, die auf zwei Hocker in der Küche gestellt wurde, samstags gebadet. Im Sommer badete die ganze Familie in einem Holzzuber in der Waschküche, wo das Wasser in einem großen holzbefeuerten Kessel gewärmt wurde, in dem sonst die Wäsche gewaschen wurde. In strengen Wintern konnte es passieren, dass im sowieso eiskalten Plumpsklo die Geruchsklappe zugefroren war und erst mit heißem Wasser wieder aufgetaut werden musste. Trotzdem war es für die Leseratte Johannes ein beliebter Leseort, da er dort erfahrungsgemäß zuletzt gesucht wurde.

Durch die sehr starke amtliche Inanspruchnahme unseres Vaters und neben aller Haushaltführung auch unserer Mutter ergab sich für uns Buben zwangsläufig mancher Freiraum, sowohl im Haus als auch besonders in dem sehr großen Garten. Dass wir aber in Haus und Garten mithelfen mussten, war selbstverständlich. Die Böden, in den Zimmern Linoleum, Holzdielen im oberen Gang mussten nach dem Wachsen mit dem Blocker (Bohnerbesen) auf Glanz gebracht werden. Geschirr abtrocknen ebenso wie das Füttern und Ausmisten der Stallhasen war ebenfalls unsere Aufgabe. Auch können wir uns gut an Gartenarbeit erinnern, da damals vieles zur Selbstversorgung dort angebaut wurde.

Die Winter waren sehr viel schneereicher und häufig auch sehr viel
kälter als heutzutage. Im Winter 1955/56 wurden bis minus 28° C gemessen. In Erinnerung ist auch ein schulfreier Tag, da wegen der Schneemassen kein Durchkommen war. Den ganzen Tag über waren wir damit beschäftigt vom Pfarrhaus bis zum Kirchplatz hinaus einen schmalen Weg mit Kutterschaufeln frei zu räumen. In den ersten erinnerlichen Jahren fuhr auch noch zum Räumen der Straßen ein von Pferden gezogener hölzerner Bahnschlitten, in dem wir Kinder als Beschwerung innendrin mitfahren durften, was uns riesigen Spaß bereitete. Schneepflüge kamen erst später und Privatautos gab es zu dieser Zeit nur wenige.

Wir besuchten selbstverständlich den Kindergarten unten im Haus, dann die Volksschule am Marktplatz. Später dann das Progymnasium, das mit 3 Klassen und nur einem einzigen Lehrer in einem Schulraum im 1. Stock der Turnhalle untergebracht war. Danach ging es ins Kepler-Gymnasium nach Freudenstadt, wohin morgens im Sommer um 6 Uhr und im Winter um 7 Uhr der Postbus fuhr.

Am 26. November 1959 zog unsere Familie nach Bietigheim, wo unser Vater die 1. Pfarrstelle übernahm.