WIE DIE REFORMATION NACH WÜRTTEMBERG KAM

von Dr. Wolfgang Schöllkopf, Pfarrer am Stift Urach und landeskirchlicher Beauftragter für württembergische Kirchengeschichte

 

Die Reformation ist eine Erneuerungsbewegung der Kirche aus der Quelle des Evangeliums. Diese theologische Reformation hat ein historisches Datum, ist jedoch zugleich ein ständiger Prozess zur Erneuerung der Kirche. Martin Luther wollte keine neue Kirche gründen, sondern seine Kirche reformieren und kritisierte deshalb ihre Missstände.

Das späte Mittelalter war eine religiös reiche Zeit, bestimmt von großen Umbrüchen im politischen und kirchlichen Bereich. Die altehrwürdigen Ordnungen von Kaiser und Kirche waren noch wirksam, aber zugleich aus den Fugen geraten. Fürsten und Städte, Bischöfe und Klöster emanzipierten sich von den großen Autoritäten. Die Reformation ließ den Freispruch des Evangeliums neu laut werden. Die Untertanen forderten die sozialen Folgen dieser wieder entdeckten Freiheit ein. Die große und kleine Welt war in Bewegung geraten. Drei einflussreiche Faktoren bestimmten diese Umbruchszeit: Mächte, Märkte, Medien.

 

Der reformatorische Aufbruch beginnt längst vor Luther, findet aber in ihm einen genialen Höhepunkt, dies allerdings zunächst in Thüringen und Kursachsen. Wie aber kam Luthers Bewegung nach Württemberg? Persönlich war er nur einmal in Ulm, auf seiner Romreise 1510, und später in Augsburg, nie aber in Württemberg. Dennoch hat er hier viele Spuren hinterlassen.

 Transporteure der Gedanken Luthers zur Reform der Kirche und Gesellschaft waren zuerst seine Schüler. Für einige von ihnen wurde die erste Begegnung mit Luther bei der Heidelberger Disputation 1518 zum Schlüsselerlebnis. „Wie im Traum“ hörten sie die bahnbrechenden Thesen Luthers, so der für Süddeutschland bedeutsame Reformator von Straßburg, Martin Bucer. Auch dabei waren Erhard Schnepf, später lutherischer Reformator für Nordwürttemberg, Martin Frecht, später in Ulm, und nicht zuletzt Johannes Brenz, der prägende Reformator Württembergs.


Luther pflegte vielfältige Briefkontakte und seine Schriften fanden rasche Verbreitung, auch im Süden. Mit einigen Reichsstädten, zu denen Esslingen und Reutlingen gehörten, stand Luther in Kontakt. Sein Brief an den Reutlinger Reformator Matthäus Alber, der dort 1524 die Reformation im lutherischen Sinne einführte, hatte für Württemberg eine große Bedeutung. Am 4.1.1526


 

schrieb er an „alle lieben Christen in Reutlingen“: Er akzeptiere, dass sie zwar die lutherische Lehre übernommen haben, nicht aber die Gottesdienstform der lutherischen deutschen Messe, sondern bei ihrem schlichten reichsstädtischen Predigtgottesdienst geblieben sind.

Diese Weichenstellung wird genau so 1534 für Württemberg gelten, als die Reformation im Land eingeführt wird. Dies konnte erst so spät geschehen, weil Herzog Ulrich wegen unbotmäßigen Verhaltens gegen den Kaiser – zuletzt den  Angriff auf die Reichsstadt Reutlingen

von dessen Truppen 1519 vertrieben worden war. Erst 15 Jahre später konnte er zurückkehren und die Reformation in Württemberg einführen.

Das Kräftespiel zu seiner Rückkehr mit der Schlacht von Lauffen am Neckar zeigt beispielhaft die geopolitische und „geotheologische“ Lage Württembergs: gelegen zwischen den verfeindeten europäischen Großmächten Habsburg (das durch die vorderösterreichischen Gebiete bis nach Rottenburg am Neckar reichte) und Frankreich. Reformatorische Gedanken beeinflussten Württemberg zwischen Luther, der schweizerischen Reformation Zwinglis und der oberdeutschen Form in den Reichsstädten des Südens, geprägt vor allem durch Straßburg.

Predigtgottesdienst

Württemberg wurde auf Anordnung des Herzogs evangelisch, nach einer schwäbischen Spezialanfertigung: Lutherisch nach Lehre und Bekenntnis, zuweilen durch die Universität Tübingen so streng vertreten, dass man das Land das „lutherische Spanien“ nannte. Nicht aber lutherisch nach Liturgie und Kirchenverfassung, so dass wir noch immer den einfachen Predigtgottesdienst aus den Reichsstädten als Normalform des Gottesdienstes in Württemberg haben.

Da der Lutherschüler Johannes Brenz schon als Reformator von Schwäbisch Hall radikale Positionen seines Lehrers abmilderte, etwa zum Bauernkrieg, zu Juden und Muslimen, sprach der


württembergische Landesbischof Theophil Wurm von einer „milden lutherischen“ Landeskirche, die dennoch viele Spuren des Reformators aufweist.

So wurde Württemberg evangelisch in turbulenten Zeiten, zwischen politischem Kalkül und der Freiheit des Glaubens, zwischen einer Reformation von oben und ihren Wirkungen für alle Menschen des Landes. Martin Luther drückte es so aus: „Gott, der wider alles Erwarten unsere Furcht in Frieden verwandelt hat, ist offensichtlich in der Sache. Der es begonnen hat, der wird es auch vollenden.“ In diesem Sinne ist Württemberg nicht nur damals und nicht nur einmal evangelisch geworden: „Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber.“ (Martin Luther)